Ocron

Sereban

Ein wuterfüllter Schrei hallte durch die Gänge der Kristallpyramide, in der die Herrscherfamilie von Ocron lebte. Der Schall prallte von den Wänden ab und hinterließ Gänsehaut auf Serebans Unterarmen. An dieses unangenehme Geräusch würde er sich wohl nie gewöhnen.

»Sereban, komm sofort hierher! Du musst nun endlich mit deinem Studium beginnen!«, forderte Lilan, der amtierende Hohepriester.

›Ich will doch einfach nur meine Ruhe haben, wieso lässt du mir die nicht?‹, seufzte Sereban innerlich. Er konnte von seinem Versteck aus beobachten, wie sein Vater suchenden Blickes an ihm vorbei stampfte. Seine langen, hellblauen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, damit sie seinen Aufenthaltsort nicht versehentlich verrieten oder ihn bei der Flucht behinderten. Er biss sich auf die Unterlippe und hielt ein Kichern zurück. Es war einfach zu lustig, wie Lilan ihn jeden Tag aufs Neue suchte. Zu blöd, dass er die Kristallpyramide besser zu kennen schien als er – und damit sämtliche Schlupflöcher. Er verharrte. Als Lilans Schritte leiser wurden, sah er vorsichtig nach unten – und direkt in die Augen seines Vaters. ›Mist!‹

»Wusste ich doch, dass ich was gehört hatte! Komm sofort runter und verhalte dich endlich wie ein pflichtbewusster Thronfolger! Lerne, um unser Volk später besser regieren zu können.«

Sereban verkniff sich ein ›Besser als du werde ich das allemal machen, selbst wenn ich nicht lerne!‹ und schaute seitlich nach oben. Da war er: der heutige Fluchtweg. Kurzerhand kletterte er aus der Mulde auf den nahegelegenen Balken und lief diesen vorsichtig entlang, bis er das Fenster erreichte. Er öffnete es und sah zu Lilan hinunter, der ihn mit großen Augen anschaute, während sein knallroter Kopf den Anschein machte, jeden Moment zu explodieren. Sereban grinste breit.

»Keine Lust. Wenn ihr mich sucht: Ich bin draußen!«

Nachdem Sereban aus dem Fenster gestiegen war, rutschte er vorsichtig die schräge Außenwand hinunter. Das Brüllen seines Vaters wurde zunehmend leiser, sodass er die einheimischen Konkor hören konnte. Das Singen dieser fliegenden Wesen beruhigte Sereban immer auf mysteriöse Art und Weise. Doch er wusste, dass er sich beeilen musste, um nicht noch am Sockel der Pyramide abgefangen zu werden. Er rutschte von einer herausstehenden Kristallspitze zur nächsten und erkannte schon bald einen vertrauten, grünen Haarschopf, der seinem Freund Towaj gehörte. Schließlich setzte er seine Füße auf den Boden und drehte sich zu ihm.

»Dachte mir, dass dein Erscheinen nicht lange auf sich warten lässt. Das Geschrei des Hohepriesters war ja schon von Weitem zu hören.«

Serebans linker Mundwinkel zuckte kurz nach oben. Wie unangenehm es ihm war, dass wahrscheinlich der gesamte Stamm von den Familienproblemen wusste!

»Schön, dass du hier bist, Towaj!« Sereban zwang sich zu einem Lächeln, das sein Freund vermutlich noch nicht einmal sah, da er den Boden anstarrte. »Lust auf einen ausgedehnten Spaziergang zum Grünen Berg?«

»Immer!«

~*~

Minutenlang sagte keiner von ihnen auch nur ein Wort. Sereban war froh, dass Towaj inzwischen wusste, dass er nach einem Streit mit seinem Vater erst einmal seine Ruhe brauchte. So war es auch an ihm, die Stille zu durchbrechen, als er sich dazu bereit fühlte.

»Wie war dein Tag?«, fragte Sereban nach weiteren fünf Minuten des Schweigens.

»Ach, immer dasselbe. Hab meinen Vätern beim Reparieren einiger Maschinen im Haupthangar geholfen. Mittlerweile bin ich ziemlich gut darin, die Fehler zu finden. Die ganze Übung hat sich ausgezahlt!«

Sereban nickte langsam. Während er sich vorm Lernen drückte, gab Towaj jeden Tag sein Bestes. Sein Magen verkrampfte sich, als er darüber nachdachte, was er seinem anderen Vater – Hilok – mit seiner Verweigerungshaltung antat. Immerhin stand er genauso schlecht da wie Lilan.

»Ich wollte dich nicht zum Grübeln bringen!«, meinte Towaj und lächelte ihn aufmunternd an. »Was war denn bei dir genau los?«

Sereban schaute ihn an und sah hinter Towajs grünen Haaren den größten Elok-Baum der Umgebung, der mit fast 150 Metern in die Höhe ragte. Ihm war gar nicht aufgefallen, wie weit sie zwischenzeitlich schon gelaufen waren.

»Es freut mich, dass dir dein Job inzwischen so Spaß macht!«, beteuerte er. Auf Towajs Nachfrage ging er gar nicht weiter ein.

»Jetzt sag schon, was bei dir los war.«

Towajs genervter Tonfall war ihm eine Warnung. Wenn er seinen Freund nun weiterhin ignorierte, würde er ihm eine Standpauke halten, die er definitiv nicht brauchte.

»Lilan wollte mich wieder zum Lernen bringen. Aber wie halt. Da leg ich mal fünf Minuten die Bücher weg und er fängt an, mir eine Predigt zu halten. Ich mein, gut, er ist Priester, aber das kann er sich echt sparen!« Towaj prustete, sodass auch Serebans ernste Miene einem Lächeln wich. Er liebte es, seinen Freund zum Schmunzeln zu bringen. »Es ist ja nicht so, dass ich nichts lernen möchte. Aber wieso darf ich das nicht so machen, wie ich will? Ich kann beim Lesen ja kaum etwas falsch machen.«

»Das ist allerdings wahr. Lilan ist ja nicht gerade für seine Geduld bekannt. So viel Kontrollzwang ausgesetzt zu sein, stelle ich mir hart vor.« Towaj legte Sereban eine Hand auf die Schulter. »Wenn es dir zu blöd wird, dann versteck dich bei uns. Meine Väter haben da sicher nichts dagegen.«

»Das ist nett, aber das kann ich nicht machen. Mein Vater ist immer noch der Herrscher, auch wenn er ein ekliger Pokrok ist, den man nur schwer ertragen kann. Ich möchte nicht, dass er euch bestraft, weil ich meinen Pflichten nicht so nachkomme, wie er es gerne hätte.« Sereban räkelte sich. Inzwischen war ihr Ziel in Sichtweite. Der Grüne Berg stach dank seiner Farbe aus der sonst so kargen Wüstenlandschaft heraus. »Er ist wunderschön. Wirklich schade, dass es um die Stadt herum so wenig Grün gibt.«

»Aber so haben wir wenigstens einen Grund, öfter hierher zu wandern. Ich mag die Spaziergänge mit dir!«

Sereban kratzte sich am Hinterkopf. Towaj sagte immer frei raus, was er dachte – er war der aufrichtigste Ocri, den er jemals kennengelernt hatte. An manchen Tagen war Towajs Ehrlichkeit nur hart zu verdauen, gelegentlich sogar anstrengend, aber im Grunde war er froh, einen treuen Freund wie ihn an seiner Seite zu wissen. Denn auch, wenn Towaj mal nicht seiner Meinung war, stand er ihm doch bei.

Ein Kloß bildete sich in seinem Hals, als er sich daran erinnerte, was ihm die letzten Wochen im Kopf herumspukte. Ob er Towaj in seine Sorgen einweihen sollte? Er verdrängte die Zweifel, auch wenn sein Herzschlag sich beschleunigte.

»Ich hoffe ja, dass das noch möglich sein wird, wenn wir erst mal unsere Salandrai-Partner kennengelernt haben.« Nachdem er dies ausgesprochen hatte, wurde ihm erst wirklich die Tragweite des bevorstehenden Ereignisses bewusst. »Immerhin sind wir dann an jeweils einen Mann gebunden.«

»Auf jeden Fall wird das klappen!«, warf Towaj ein. »Um zu überleben, müssen wir unsere Stoffwechsel zwar durch das Salandrai-Ritual an einen Partner binden, aber ich werde mir ganz sicherlich nicht verbieten lassen, mich mit dir zu treffen. Wenn jemand versuchen will, mich von dir fernzuhalten, kann er das gerne tun – dann kann ich allerdings für nichts mehr garantieren.«

Als Sereban Towajs breites Grinsen sah, schoss ihm die Schamesröte ins Gesicht. Schnell senkte er seinen Blick.

›Hat er das gerade wirklich gesagt?!‹

Vorsichtig lugte er zu Towaj, der nun nach vorne blickte und dessen Wangen mit einem leichten Rotschimmer versehen waren. Als wollte Towaj nicht von ihm angeschaut werden, drehte er seinen Kopf weg.

Unbewusst zog Sereban seine Mundwinkel nach oben. Als er ›Süß!‹ dachte, verging ihm jedoch das Grinsen. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab.

»Wollen wir heute den Berg hochklettern oder einfach nur drum herum laufen?«, fragte er, um die unangenehme Stille zu durchbrechen.

Towajs Antwort folgte prompt: »Lass uns nach oben, um die Aussicht zu genießen!«

Sie kletterten den steilen Hang des Grünen Berges hinauf. Der Aufstieg kostete beide so viel Puste, dass sie nicht miteinander redeten. Zudem mussten sie sich konzentrieren, um nicht abzurutschen – eine wunderbare Ablenkung für Sereban, um nicht zu sehr über seine vorherigen Gedanken zu grübeln.

Als sie die Spitze erreichten, setzten sie sich hin und nahmen sich Zeit, um zu Atem zu kommen. Währenddessen sahen sie sich die Landschaft an, auch wenn diese auf ihrem Heimatplaneten Ocron recht eintönig war: Wüste, Wüste, Wüste und gelegentlich ein bisschen Grün – der Berg, auf dem sie gerade saßen, war eine große Ausnahme. Und noch seltener war Wasser zu erblicken, denn dieses befand sich meist unterirdisch. Sereban sah zum Fuß des Berges, an dem Quellwasser einen kleinen See bildete. Er wusste nicht, warum, aber das auf der Wasseroberfläche reflektierte Sonnenlicht beruhigte ihn. Vielleicht, weil das weiße Glitzern ihn an seine Heilmagie erinnerte?

»Möchtest du schwimmen gehen?«, fragte Towaj plötzlich. Sereban brauchte einen Augenblick, bevor er begriff, wie Towaj auf die Idee kam, diese Frage zu stellen. »Ich bringe es dir gerne bei!«

Seine Augen fest auf die von Towaj gerichtet, schüttelte er den Kopf. Kaum ein Ocri konnte schwimmen und wenn er ehrlich war, dann war er mit dem Nichtschwimmerstatus vollkommen zufrieden. Er hatte Towajs Schwimmkünste schon einige Male bestaunt und fragte sich bis heute, wie es denn möglich war, dass er sich über Wasser halten konnte.

Als er Towajs enttäuschten Blick sah, fühlte er sich schuldig. Es war so offensichtlich, dass er schwimmen gehen wollte – und wenn sie schon einmal den weiten Weg hierher zurückgelegt hatten …

Sereban seufzte.

»Na gut. Kompromiss: Ich geh ein Stück mit ins Wasser.«

»In Ordnung.« Towaj sprang auf und klopfte das Gras ab, das an seiner kurzen Hose hängen geblieben war. »Irgendwann schaffe ich es schon noch, dich zu überzeugen!«

Er runzelte nachdenklich die Stirn.

»Ich versteh wirklich nicht, warum du so versessen darauf bist, dass ich schwimmen lerne. Es wird nicht vorkommen, dass ich das brauche. Ocron ist ein Wüstenplanet! Außer du hast vor, mich auf einen anderen Planeten zu entführen. Falls das der Fall ist, bekommst du hiermit meine ausdrückliche Erlaubnis.«

Beide lachten lauthals los.

»Brauchen vielleicht nicht, aber es macht Spaß!« Towaj schürzte die Lippen und ergänzte nach einer kurzen Bedenkzeit: »Obwohl. Hohepriester Lilan würde es sicher nicht gefallen, wenn du das Schwimmen lernst. Ist ja wirklich Zeitverschwendung.«

»Überzeugt! Bring es mir bitte bei!«

Towaj warf beide Hände in die Höhe.

»Super! Auf, auf, schnell wieder runter!«

Sereban lachte leise und stand dann ebenfalls auf. Er verstand zwar nicht, wieso sein Freund nun so euphorisch war, aber wer war er, ihm diese Freude zu missgönnen?

Neugierig, wie's weitergeht? Mehr von Sereban und Towaj gibt's in »Bis zum Rand der Galaxie«!
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